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„Die wirklichen Utopien finden im Alltag statt.“

Unsere Welt ist komplex, unsere Lebensstile sind festgefahren und die Zwänge der Arbeitsgesellschaft eh unüberwindbar. Tatsächlich scheint der Raum für utopische Entwürfe, strahlende Zukunftsvisionen oder gar einen besseren Menschen auf ein mikroskopisches Maß geschrumpft zu sein. Wir machen uns mit dem Soziologen Dirk Baecker einen Reim auf eine Gesellschaft ohne Alternativen.

Interview: Thomas Hecken

Haben Sie selbst in ihrer Jugend Utopien gelesen?

Antwort (Dirk Baecker): Ich kam nicht darum herum, mich für die Gattung als solche zu interessieren, fand daran aber wenig Geschmack. Letztlich haben mich Dystopien wie jene von Orwells „1984“ mehr interessiert als Thomas Morus’ Utopie vom Sonnenstaat. Dystopien beobachten die realen Verhältnisse intelligenter.

Läuft das auf den alten konservativen Satz hinaus, nur Pessimisten seien Realisten, weil sie sich über die schlechte menschliche Natur im Klaren seien?

Nein, soweit würde ich nicht gehen. Die menschliche Natur befähigt den Menschen zum Guten und zum Schlechten. Utopisten sind Träumer; sie denken sich einen „ganz anderen“, einen Nicht-Ort. Auch dieser Nicht-Ort ist durch seine Differenz zu den vielen realen Orten der Wirklichkeit definiert; aber in diesem Fall versperrt die Negation einen differenzierten Blick auf die realen Verhältnisse. Dystopisten sind keine Pessimisten, sondern vielleicht sogar die wahren Optimisten. Immerhin denken sie, durch die Veröffentlichung ihrer Befürchtungen möglicherweise doch noch etwas ändern oder verhindern zu können. So oder so jedoch handeln Dystopien nicht von Nicht-Orten, sondern von schlechten Orten; und diese werden meist aus der Verlängerung oder Hochrechnung realer Tendenzen gewonnen. Interessanterweise werden Bilder der Hölle, wie etwa jene Dantes, wenn ich mich nicht irre, nicht Dystopien genannt.

„Woran entscheidet sich letztlich Gut und Böse? Daran, ob man noch an einen fetten Burger, selbst wenn aus Rattenfleisch, herankommt oder nicht.“

Gegen Utopien, für Dystopien spricht die Perfektionierung der Überwachungs- und Waffensysteme. Ein Deutschland zwischen 1933 und 1945 mit den heutigen Möglichkeiten von NSA, Biochemie und atomarer U-Boot-Flotte wäre solch eine ‚konkrete Dystopie‘. Kann einem da noch etwas anderes als Love & Peace-Fantasien einfallen?

Ich habe Hitlers Drittes Reich einmal als Schwarm analysiert, dem durchaus utopische Elemente eigneten. Es bringt wenig, das zu leugnen. Es ging um ein „besseres“ Deutschland, wie es nach 1945 auch in Ostdeutschland um ein „besseres“ Deutschland ging. Die Dinge sind ambivalenter, als es sich die literarischen Phantasien ausmalen. Die angemessene Frage wäre demnach, wer mit welchen Hoffnungen in den perfekten Überwachungsstaat investiert, wer sich ihm mit welchen Neigungen unterwirft und wer sich ihm widersetzt. Marco Brambillas Film „Demolition Man“ hat die Ambivalenz von Utopie und Dystopie in Hollywood-Manier, aber meines Erachtens perfekt in Szene gesetzt. Woran entscheidet sich letztlich Gut und Böse? Daran, ob man noch an einen fetten Burger, selbst wenn aus Rattenfleisch, herankommt oder nicht. Ich will Ihre Frage nicht verharmlosen, aber ich werbe so oder so für den differenzierten Blick, jenen Blick, der Lücken und Verwerfungen im allzu planen Bild erkennt.

Es gibt nicht wenige Leute, die sich am Gedanken erfreuen, dass nach den sündhaften Menschen zwar nicht mehr das Paradies kommt, aber immerhin noch eine Welt mit Kleinlebewesen wie die Küchenschabe. Muss das Schwinden christlicher Utopien den heutigen Soziologen beunruhigen, führt das zu einer egoistischen Lebenswelt?

Der von Ihnen zitierte Gedanke ist in meinen Augen nicht egoistisch, sondern sarkastisch. Er erfreut sich am Scheitern der Mächtigen, Reichen und Schönen und ist damit meines Erachtens mit den Verhältnissen viel zu einverstanden. Er entwirft keine Alternativen, weder im Großen, wo man so oder so nichts ausrichten kann, noch im Kleinen, wo man in jedem Fall mehr tun kann, als man häufig zu sehen bereit ist. Ich denke an die Geschichte von Amsterdamer Diamantenhändlern im 15. und 16. Jahrhundert, die einen Ehrenkodex hatten: Wenn die Börse eine Flaute erlebte, war man verpflichtet, mit kleinen Einsätzen im Handel zu bleiben, selbst wenn man wusste, dass man diese aller Voraussicht nach verlieren würde. Man konnte sich nicht einfach zurückziehen und abwarten, bis vielleicht Besserung eintrat. Sondern man musste mit diesen kleinen Einsätzen dafür sorgen, dass überhaupt Handel „im System“ war, das sich nur so erholen konnte. Von nix kütt’ nix, wie man im Rheinland sagt.

Marxisten und Linksalternative haben vor allem Ende der 1960er und in den 1970er Jahren etwa mit Blochs „Prinzip Hoffnung“ das utopische Denken hochgehalten, um das bestehende kapitalistische System hinter sich zu lassen. Bei Wissenschaftlern Ihrer Generation lag es nahe, dass sie sich gegen solche Verpflichtungen der Vorgängergeneration zur Wehr setzten. War es auch für Ihren eigenen Weg wichtig, eine positivistische, wertneutrale Analyse oder andere Formen anti-utopischer Wissenschaft offensiv gegen die utopische, kritische Theorie ins Feld zu führen?

Ich bin dank meines Deutschlehrers mit Adornos „Minima Moralia“ und seinen „Notizen zur Literatur“ aufgewachsen. Diesen liegt das Utopische so fern wie das Dystopische, weil die Verhältnisse längst so sind, wie sie sind. Wissenschaftlich hat mich seit einem Studienaufenthalt in Paris nicht die Wertneutralität, sondern die Stellungnahme durch die Beschreibung von Zusammenhängen, Abhängigkeiten, Funktionalitäten interessiert.

Können Sie ein Beispiel geben?

Die Geschichte der Diamantenhändler ist ein gutes Beispiel. Hier spielen Zusammenhänge zwischen Markt, Gewinnerwartungen, persönlicher Bekanntschaft und weitgehend unberechenbarer Gesellschaft die Hauptrolle. Käufe und Verkäufe, selbst kleine, haben die Funktion, weitere und ähnliche Optionen anzuziehen. Oder denken Sie an das Theater. Sollte es mit dem Theater aus welchen Gründen einmal institutionell zu ende sein, genügt es, dass ein Mensch sich auf einen Platz stellt, eine ausholende Geste macht, zu deklamieren beginnt und einige Leute stehen bleiben, um das Theater als Form wieder neu zu zünden. Entscheidend ist, ob dies ein singuläres Ereignis bleibt oder von anderen aufgegriffen, verstärkt und variiert wird. Ich darf als Soziologe nicht bewerten, was hier im Einzelnen passiert. Ich kann nur immer wieder neu dieselbe Frage stellen: Welche Art von Handlungen erfüllt in welchen Situationen in den Augen welcher Beobachter welche Funktionen? Ich kann nicht substantiell, ich muss relational denken. Die Soziologie nimmt damit an jenem Abenteuer teil, das man „moderne Wissenschaft“ nennt, die sich von den Wesensfragen des antiken und mittelalterlichen Aristotelismus befreit hat und stattdessen in Variablen denkt. Für mich ist dies, nebenbei gesagt, auch viel spannender, kommt man doch nur so der Plastizität der Verhältnisse und des Menschen in ihnen ein wenig besser auf die Spur.

„Wissen wir immer, was wir tun? Können wir die Antennen beschreiben, mit denen wir ängstlich und übermütig, zögernd und zugreifend durch das Leben gehen? Wir sind nicht fremdbestimmt, aber wir sind auch nicht selbstbestimmt.“

Ist dieses Aufzeigen von möglichen Alternativen in genau bestimmten Zusammenhängen die höchste Form an utopischem Denken, die sie sich zugestehen?

Ja, das könnte man so sagen. Allerdings verlegen wir das utopische Moment in die Verhältnisse selbst. Nicht die Soziologen denken sich die Nicht-Orte aus, sondern die Menschen denken sie sich aus und die Soziologen fragen und beschreiben, welche Funktion für die Beteiligten die Utopie erfüllt. Ein klein wenig gehen wir dabei wie die Klassenanalyse von Marx oder die Psychoanalyse Freuds vor. Wir sind nicht davon überzeugt, dass allen Beteiligten jeweils bewusst ist, in welchen funktionalen Zusammenhängen sie stehen. Sondern wir nehmen an, dass es latente, im Verborgenen wirkende Zusammenhänge gibt, die jedoch nicht auf mystische Ursachen, sondern auf die Komplexität der Gesellschaft selbst verweisen. Wissen wir immer, was wir tun? Können wir die Antennen beschreiben, mit denen wir ängstlich und übermütig, zögernd und zugreifend durch das Leben gehen? Wir sind nicht fremdbestimmt, aber wir sind auch nicht selbstbestimmt.

Oft und heftig kritisiert wird ja die Auffassung von Bundeskanzlerin Merkel, viele ihrer wichtigen Entscheidungen seien schlicht „alternativlos“. Müssten utopische Entwürfe darum nicht heute wieder ein dankbares Publikum finden? Zumindest auf dem Papier sollten sich diese Kritiker doch an dem ganz ‚Anderen‘ erfreuen.

Das TINA-Prinzip („There Is No Alternative“) ist vermutlich gerade deswegen so wirksam, weil wir heute in Windeseile über sämtliche Determinanten eines Ereignisses informiert sind, wenn wir nur wollen. Die Utopien, die heute gehandelt werden, befreien nicht aus dieser vermeintlichen Ideenlosigkeit, sondern sie versuchen die eine, oft simple Idee an die Stelle des Erfordernisses vieler und vieler unterschiedlicher Ideen zu setzen. There is no alternative to complexity, es sei denn der brandgefährliche Simplizismus.

Brauchen Demokratien überhaupt noch Utopien, um sich zu legitimieren oder sich ambitionierte Ziele zu geben?

Es gibt zwei Typen von Legitimität eines politischen Gemeinwesens: das, was dabei herauskommt, also die Output-Legitimität, und die Entscheidungen, die dabei berücksichtigt werden, also die Input-Legitimität. Im Fall der Demokratie geht es um die Entscheidungen aller Wahlberechtigten an der Wahlurne. Ich sehe beim besten Willen nicht, welche positive Rolle bei diesen Entscheidungen Utopien spielen könnten.

„Aber andernorts beobachten wir steigende Frequenzen für autoritäre Tendenzen. Dass wir davor durch nichts prinzipiell gefeit sind, wissen wir.“

Sie haben schon Thomas Morusʼ Schrift „Utopia“, mit dem das Genre 1516 begründet wird, erwähnt. Morus bietet in seiner Erzählung über die Insel der Utopier den Entwurf der „besten Staatsverfassung“. Wäre das in der Gegenwart nicht geradezu verfassungsfeindlich? Die Grund- und Menschenrechte sind schließlich heutzutage verfassungsgemäß nicht änderbar.

Ich glaube nicht an die Zähmung der Politik durch das Recht. Jede Verfassung ist änderbar, wenn der entsprechende politische Wille mobilisierbar ist. Man wäre beruhigt, wenn die Demokratie einen Schwellenwert darstellen würde, hinter den man nicht zurück kann. Aber solche Schwellenwerte gibt es in der menschlichen Geschichte nicht. Jede Regression ist und bleibt möglich. In der Soziologie geht man davon aus, dass einzelne Gesellschaften sich „nur“ dadurch unterscheiden, dass bestimmte Ereignistypen mit unterschiedlichen Frequenzen auftreten. Im Moment verzeichnen wir zumindest in Westdeutschland hohe Frequenzen für demokratische Ereignisse, sowohl im politischen Handeln der Protagonisten als auch in der Rezeption durch die Wähler. Aber andernorts beobachten wir steigende Frequenzen für autoritäre Tendenzen. Dass wir davor durch nichts prinzipiell gefeit sind, wissen wir. Und Tendenzen zugunsten dieser Tendenzen beobachten wir auch hierzulande. Mich interessiert, wie diese Tendenzen durch andere Tendenzen ausbalanciert werden.

Welche Gegentendenzen sehen Sie?

Zum Beispiel die Tendenz, dass wir beide in diesem Gespräch – und nicht nur wir beide – uns Sorgen machen. Wenn sich die neue Leiterin eines ethnologischen Museums in Dresden an den Rand einer Pegida-Demonstration stellt, sich die Tattoos auf den Oberarmen der Demonstranten anschaut und anschließend eine Ausstellung über die fremde Herkunft dieser Tattoos aus aller Welt macht, halte ich das ebenfalls für eine Gegentendenz. Mich interessiert immer die Differenz: Was passiert hier? Und was passiert im Gegensatz dazu woanders? Solange eine Differenz erkennbar ist, ist noch nicht alles verloren.

Passen bestimmte Utopien besser zu Diktaturen? In denen können von einzelnen Herrschern oder Zentralkomitees für einige Jahre oder Jahrzehnte zumindest riesige Bauprogramme und pädagogische Curricula nach einem Plan exekutiert werden.

Ja, sicher. Aber auch das geht nur, wenn auf der anderen Seite der Differenz eine Komplexität droht, der man nicht Herr zu werden fürchtet. In dieser Furcht finden sich Herrscher und Beherrscher; und oft ist unklar, ob die Herrscher die Beherrschten oder die Beherrschten die Herrscher ausnutzen, um sich vor einem offenen Blick auf die Variablen der Verhältnisse zu schützen.

Als Systemtheoretiker haben Sie sich von der Überzeugung verabschiedet, die westlichen Gesellschaften besäßen ein Zentrum, von dem aus alles gesteuert werden könne. Können denn auch die verschiedenen verbliebenen Teilsysteme wie Ökonomie, Politik, Erziehung, Recht, die jeweils eigenen Codes folgen, Utopien entwickeln? Müssen vielleicht gerade sie von utopischem Denken angetrieben werden, um handlungsmächtig zu bleiben?

Die Funktionssysteme sind geradezu identisch mit einer utopischen Überschätzung ihrer selbst. Zum einen würde sich jedes von ihnen, die Wirtschaft ebenso wie die Politik, das Recht ebenso wie die Erziehung, die Kunst ebenso wie die Religion, liebend gerne die Gesamtgesellschaft unterwerfen. Und zum anderen trägt jedes dieser Funktionssysteme wie ein Banner seinen utopischen Leitwert vor sich her: das Kapital und die Macht, die Gerechtigkeit und die Bildung, das Schöne und Erhabene und Göttliche. Dass das Kapital der einen die Armut der anderen, die Macht der einen die Ohnmacht der anderen, die Gerechtigkeit die Ungerechtigkeit, das Schöne das Hässliche und das Göttliche die Sünde nicht etwa ausschließen, sondern einschließen, wird dabei ausgeblendet beziehungsweise ideologisch vereinnahmt. Der Fortschritt wird die Dominanz des positiven Wertes früher oder später erweisen. Erst aus dem Blickwinkel der Gesamtgesellschaft sieht man die funktionalen Zusammenhänge der Positiv- und Negativwerte und sieht man die zuweilen unvollkommene Korrektur der Selbstüberschätzung der Funktionssysteme durch die Selbstüberschätzung aller anderen Funktionssysteme. Finster sähe es aus, hätten wir in der Gesellschaft nur den Systemtyp der Funktionssysteme. Aber wir haben zusätzlich Organisationen, die die Überschätzung in Programme übersetzen und damit lehrreich scheitern. Wir haben die Interaktion, in der wir uns unter Menschen und zunehmend unterstützt durch, und überwacht von, Maschinen unseren „eigenen“ Reim auf die Dinge machen können. Und wir haben nicht zuletzt Protestbewegungen, die allerdings ihre eigene Utopie vor sich hertragen, nämlich die Überschätzung der Reichweite eines Neins zu den Verhältnissen.

„Der große Kant fragte sich, was aus der Aufklärung der Gesellschaft werden kann, wenn jeder sich anmaßt, auf der Grundlage angelesener Meinungen in die vermeintliche Unvernunft des Lebens seiner Mitbürger eingreifen zu können.“

Ein oft erhobener Vorwurf gegen Utopien lautet, ihre Entwürfe seien bestenfalls etwas für kleine Gemeinschaften und nichts für große Gesellschaften. Deren Abläufe seien auch in der Zukunft viel zu komplex für utopische Pläne. Auch die ‚besten‘ Regelungen, Mittel und Zielvorgaben brächten darum nicht die gewünschten Ergebnisse, sondern unkontrollierbare Folgen und Nebenfolgen. Erledigt sich dieser Einwand dank der rapide zunehmenden Rechnerkapazitäten? Können Hochleistungscomputer nicht bald diese Steuerung übernehmen? Kurz gesagt: Bildet die digitale Technologie und Kybernetik die verwirklichte Utopie?

Diese Idee haben wir gegenwärtig in der Form einer finalen Utopie ebenso wie finalen Dystopie. Man mag sich damit trösten, dass ähnliche Hoffnungen und Befürchtungen seinerzeit bereits mit der Einführung der alphabetischen Schrift und der beweglichen Lettern des Buchdrucks verbunden wurden. Die alten Griechen beobachteten mit kaltem Schrecken die ägyptische Bürokratie. Und der große Kant fragte sich, was aus der Aufklärung der Gesellschaft werden kann, wenn jeder sich anmaßt, auf der Grundlage angelesener Meinungen in die vermeintliche Unvernunft des Lebens seiner Mitbürger eingreifen zu können. Ich empfehle die seinerzeit bestens informierte doppelte Utopie und Dystopie in Daniel Suarez’ zwei Bänden „Daemon“ und „Freedom“, die deutlich macht, wie nah in unserem Umgang mit den Maschinen – und im Umgang der Maschinen mit uns – das eine beim anderen liegt. Die chinesische Reiswirtschaft, das mexikanische Opfer, das griechische Theater, die mittelalterliche Zunft, die Einheit der Nation, die soziale Marktwirtschaft waren und sind bereits Verwirklichungen kybernetischer Steuerungsprojekte. Sie sind Ergebnis der gesellschaftlichen Selbstorganisation, in höherem Maße, als es sich die Soziologie je eingestand, abhängig von technischen und technologischen Möglichkeiten, und vergehen wieder, wenn Gesellschaften andere Herausforderungen zu bewältigen haben. Ich weiß nicht, ob es der Gipfel der Perfidie oder der ultimative Trost ist, wenn die jüngere Kybernetik etwa eines Heinz von Foersters darüber aufklärt, dass es nur den Systemen gelingt, sich selbst zu steuern, die hinreichend viel Unberechenbarkeit produzieren. Denn nur dann gibt es Anlässe, auf die mit Steuerungsmaßnahmen reagiert werden kann. Man kann sich aussuchen, ob einem die eine oder die andere Seite der Medaille der Steuerung lieber ist. Niklas Luhmann ergänzte diese Einsicht durch den Hinweis, dass die wichtigste Leistung sozialer Systeme darin besteht, ihren eigenen Zerfall zu erzwingen: Sie reproduzieren sich durch Ereignisse, die auftauchen und wieder verschwinden, generieren also laufend die Notwendigkeit, auf sich selbst neu und anders zu reagieren. Vor diesem Hintergrund sollte man die Strukturen, auch die institutionellen Strukturen, lesen und bewerten, die sich in diesem Modus der Inhibition von Entropie etablieren und bewähren.

Und wie fällt Ihre Bewertung da aus, welche Strukturen sind besonders bewährt und sollten die nächste Utopie überstehen?

Meine Antwort auf diese Frage wird Sie langweilen: eine Demokratie, in der Parteien einander widersprechen; eine Marktwirtschaft, die politisch vor ihren eigenen Tendenzen zur Monopol- und Oligopolbildung geschützt wird; ein Erziehungssystem, in dem es staatliche und private Alternativen gibt; eine Religion, die von Theologen vor der Tendenz geschützt wird, die Unterscheidung von Gut und Böse absolut zu setzen; eine Kunst, die sich bewundern lässt und erreichbar bleibt; eine Wissenschaft, die einen Blick für ihre aktive („performative“) Rolle in der Gesellschaft nicht vollkommen aus den Augen verliert; und ein Recht, das sich weder von Interessen noch Ideologien in Beschlag nehmen lässt, sondern argumentativ und orientiert an der eigenen Geschichte beweglich bleibt; und nicht zuletzt Massenmedien, die investigative Fähigkeiten mit Unabhängigkeit und Schnelligkeit verbinden. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Moderne selbst zur Utopie geworden ist, wenn sie denn je Wirklichkeit war.

Utopien hatten für Leute, die mit dem Bestehenden nicht einverstanden waren, sicherlich oft die Funktion, weiter an ihren Idealen festzuhalten zu können, auch wenn sie wussten, dass sie selbst den Sieg dieser Ideale nicht erleben würden. Heutzutage liest man viel von Milliardären und Techno-, Nano- und Gen-Wissenschaftlern, die meinen, sie können sich durch Verbindungen mit Maschinen bald buchstäblich unsterblich machen. Kann man als Zeitdiagnose festhalten, dass die sozialen Utopien sich zu individuellen gewandelt haben?

Eine interessante Frage! Sind individuelle Utopien Ausdruck eines Neins zu den Verhältnissen, um gegen diese auf eine bessere Zukunft setzen? Oder sind sie Ausdruck eines Jas zu den Verhältnissen, angesichts derer man sich die Wiederkehr wünscht, sobald sie technisch möglich ist? So oder so ist die individuelle Utopie sowohl Teil einer gesellschaftlichen Utopie als auch ein Versuch des Ausstiegs. Man setzt den zeitlichen Ausstieg in die Zukunft an die Stelle eines räumlichen in die „unberührte“ Natur (von dem man freilich ebenfalls träumt). Nein, ich würde sagen, dass die individuellen Utopien genau die Differenz von Individuum und Gesellschaft bestätigen und bestärken, die so oder so für ein Minimum an Hoffnung entscheidend ist. Wenn wir es aufgeben, für individuelle Abweichungen in welche Richtung auch immer Akzeptanz aufzubringen, ist es endgültig mit uns vorbei. Und was soll man mit dem vielen Geld machen, wenn man das Pech hatte, Milliardär zu werden?

„Die wirklichen Utopien finden im Alltag statt. Sie haben längst stattgefunden und werden weiterhin stattfinden.“

Einige frühere Science-Fiction-Utopien sind durch die technologische Entwicklung teilweise eingeholt und für viele alltäglich geworden, nicht nur für Reiche, nicht nur für Männer. Das geht vom Individualverkehr bis zur sekundenschnellen Nachrichtenübertragung. Dennoch hat sich das Alltagsleben in seinen Basisabläufen seit vielen Jahrzehnten nicht geändert: mindestens zehn Jahre Schulzeit für alle, danach um die acht Stunden Arbeit täglich, ein, zwei Stunden im Nahverkehr, um zur Arbeit und danach wieder nach Hause zu gelangen, sechs bis acht Stunden Freizeit, um sich auf Bildschirmen oder an Urlaubsorten andere Leute und Ereignisse anzuschauen, sechs bis zehn Stunden Essen, Bewegen und Schlafen zur Reproduktion der Arbeitskraft. Bindet der Kapitalismus oder die rationalisierte Gesellschaft alle utopischen Energien notwendig in diese Formen? Oder ist die angestrebte Überwindung dieser Abläufe eine nun greifbare, ‚konkrete Utopie‘?

Soziologen sind keine Zukunfts-, sondern Gegenwartsforscher. In dieser Gegenwart spielt die unbekannte Zukunft allerdings eine große Rolle. Ihre Beschreibung trifft den Nagel auf den Kopf. Können wir uns Alternativen zu unserem „bewährten“ Lebensstil vorstellen oder nicht? Sind wir in der Lage, Bevölkerungen anders zu binden als durch die Zwänge der Arbeitsgesellschaft? Und wer ist „wir“? In den zehn Jahren Schulzeit passiert mittlerweile vielfach anderes als früher. Zuweilen wird sogar in „Projektform“ gelernt, eine Idee der 1920er Jahre, wenn nicht früher. Die acht Stunden Arbeit sehen anders aus als früher, wie man sich bei jedem Gang in ein Bergbaumuseum leicht überzeugen kann. Wir haben eine Emanzipation der Frau, die durch die Erfindung zunächst der Schreibmaschine – an die sich Männer nicht setzen wollten – und dann elektrischer Küchengeräte doch um einiges erleichtert worden ist. Wir nutzen unsere Reisen zu einer Form der touristischen Globalisierung, die vor Jahrzehnten unvorstellbar gewesen wäre. Die wirklichen Utopien finden im Alltag statt. Sie haben längst stattgefunden und werden weiterhin stattfinden. Es sind unsere Träume (und Albträume), die uns quälen, nicht unbedingt unsere Wirklichkeiten. Die größte Dystopie von allen ist das Wegdämmern einer alternden Bevölkerung in unvermeidbaren Zuständen der Demenz. Noch größer ist nur die Dystopie, dass diese Demenz die Betroffenen, wahrlich nicht ihre Angehörigen, glücklich macht. Hier treffen Utopie und Dystopie im Punkt ihrer eigenen Verwirklichung zusammen. Schon deswegen beschäftige ich mich lieber mit der Gegenwart.

 

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