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„In uns steckt Musik als Teil unserer menschlichen Natur.“

Musik, Emotion und Gemein­schaft sind nicht nur schöne Nebensachen, sondern bilden auch eine evolutionär sinnvolle Einheit. Wir haben mit dem Hirnforscher und Musikpsychologen Stefan Koelsch über Musik als Überlebensfaktor gesprochen und über die Frage, warum alle Dvořák lieben.

Interview: Shahin Zarinbal

Was lernt man über menschliche Emotionen, wenn man Musik im Gehirn beobachtet? Oder anders gefragt: Warum beschäftigen Sie sich mit Musik?

Ich als Experimentalpsychologe untersuche emotionale Reaktionen auf einen Stimulus hin. Die emotionalen Erlebnisse, die durch Musik hervorgerufen werden, können äußerst stark, mitunter stärker sein als andere Experimentalstimuli. Menschen gehen ja unter anderem deswegen ins Konzert, weil Musik besonders intensive Gefühle hervorrufen kann. Musik kann, außer dass sie uns bisweilen zu Tränen rührt, auch wohlige Schauer durch den Körper jagen. Ich sage nicht, dass nur Musik das könnte, aber die Tatsache, dass Musik das kann, macht sie nicht nur für mich als Menschen sehr interessant, sondern auch als Forscher: Durch die Musik können wir verstehen, welche Strukturen im Gehirn Emotionen unterliegen, wie diese Strukturen funktionieren und zusammenarbeiten.

In Ihrer Forschung beschäftigen Sie sich unter anderem damit, dass Musik soziale Bindungen stärkt. Wie muss man sich diese Verbindung vorstellen?

Musik stößt da etwas an, das wir als menschliches Bedürfnis erfahren: die Bindung zu anderen Menschen. Und wenn so etwas geschieht, ist das etwas anderes als das, was die Musik hervorruft. Es ist jedoch auch so, dass Musik dies auf eine ganz geheimnisvolle und kraftvolle Art in uns auszulösen vermag, und das besonders stark, wenn Menschen sie gemeinsam und gemeinschaftlich erleben. Natürlich kommen sich die Zuhörer im Konzertsaal auch durch das gemeinsame Erleben der Musik näher. Es ist jedoch noch was anderes, wenn Menschen zusammen musizieren, in der Kirche Choräle singen, zusammen in einem Club tanzen oder in einem Rockkonzert zur Musik hüpfen, den Song mitsingen und das Ganze gemeinschaftlich zelebrieren. Das sind die eigentlichen Fälle, in denen Musik gemeinschaftlich zum Tragen kommt.

„Ohne Musik hätte es der Mensch nicht durch die Evolution geschafft.“

Was bedeutet das für die Rolle der Musik innerhalb der Gesellschaft?

Eine Situation, die wahrscheinlich im allergrößten Zeitraum der Menschheitsgeschichte vorherrschend war, ist diejenige, dass Menschen abends am Lagerfeuer zusammen getanzt und gesungen haben. Oder man denke daran, wie Kinder zusammen tanzen und singen, oder wie Eltern ihren Kindern Wiegenlieder singen. Musik hat eine einzigartige, gemeinschaftsstiftende Funktion innerhalb größerer Gruppen. Nur Musik kann dies tatsächlich so, und ohne Musik hätte es der Mensch nicht durch die Evolution geschafft.

Heißt das, dass die Menschheit ohne Musik im Grunde nicht denkbar ist?

In uns steckt Musik als Teil unserer menschlichen Natur. Wir können die Tatsache, dass Musik dieses Gemeinschaftsgefühl hervorruft, und die Tatsache, dass Gemeinschaft durch Musik hervorgerufen werden kann, nicht voneinander trennen.

Warum ist manche Musik massentauglich und andere ganz und gar nicht?

Das ist natürlich eine große und schwere Frage. Ein wichtiger Punkt ist sicherlich das Hervorrufen von Emotionen, insbesondere von starken Emotionen. Eine Musik, die keine Emotionen hervorrufen kann, wird sicherlich auch niemals massentauglich sein. Das trifft nicht nur auf die klassische Musik zu, das gilt bei anderer Musik genauso. Und Emotionen können auf viele verschiedene Weisen hervorgerufen werden. Die in der sogenannten „ernsten“ Musik ausgelösten starken Emotionen hängen oft auch damit zusammen, dass wir etwas in seiner künstlerischen Ausarbeitung und Reife und Tiefe und Gelungenheit als ganz besonders hochwertig empfinden. 

„Eine Musik, die keine Emotionen hervorrufen kann, wird sicherlich auch niemals massentauglich sein.“

Wie drückt sich diese Gelungenheit aus?

Als Produkt eines intensiven Schaffensprozesses. Dadurch, dass sich ein Komponist besonders tief mit einem Stück auseinander gesetzt hat. Wenn man sich bewusst macht, wie Komponisten wie etwa Johannes Brahms ihre Kompositionen durchdacht haben, wie viel sie an ihnen gefeilt, wie viel sie an ihnen gearbeitet haben, um sie tief zu durchdringen, bis alles gestimmt hat – dann wird klar, dass man diese Gelungenheit nicht einfach mal an einem Tag vollbringen kann. Keine der Symphonien, die heute noch im Konzertrepertoire existieren, wurde an einem Tag geschrieben.

Wie ist das Ihrer Meinung nach bei Musik, die explizit für die Masse geschrieben wird? Wie unterscheiden sich da Pop-Produktionen und klassische Musik?

Zunächst einmal gibt es einen Filter der Zeit: Klassische Musik, und auch was vor hundert Jahren zeitgenössische Musik war, also z.B. Schönberg, ist durch einen sehr schwer zu durchdringenden Filter der Zeit zu uns gekommen. Bei der Popmusik ist es so, dass eine viel größere Masse produziert wird und ein Großteil der Massenproduktion gar nicht zum Ziel hat, durch einen zeitlichen Filter durchzudringen, sondern ähnlich wie ein Plastikprodukt konsumiert zu werden. Aber in Pop-Produktionen, die über längere Zeit erfolgreich bzw. besonders gut sind, steckt natürlich ähnlich viel Arbeit wie in richtig guter klassischer Musik. Das gilt nicht nur für diejenigen, die sie spielen und singen, sondern auch für die, die anderweitig daran arbeiten, z.B. die Produzenten. Dazu kommt, dass wir die kompositorische Tiefe von einem Stück, das anderthalb Stunden dauert, fairerweise nicht mit der eines Stücks vergleichen können, das nur gut drei Minuten lang ist.

„Das ist mit Gaudís Kathedralen-Entwurf vergleichbar: Der stellt automatisch immer mehr dar als der Entwurf einer Hundehütte.“

Sind es dennoch ähnliche Emotionen, die dabei hervorgerufen werden?

Im Hinblick auf Emotionen, die aus musikalischer Struktur heraus entstehen, ist die Antwort ganz klar: Nein – dies sind Emotionen, die im einen Fall auftreten und im anderen Fall so gut wie gar nicht. Die Emotionen, die durch „die Musik selbst“ entstehen – das, was man in der Musikpsychologie intramusikalische Prinzipien nennt –, die also durch die Konstruktionsaspekte der Musik hervorgerufen werden, können viel tiefer gehen, wenn sie über längere Zeiträume und hochgradig komplex gesponnen werden können. Über drei Minuten können sie schwer etwas zusammenweben, das derart in die Tiefe geht wie etwas, das sie über eine halbe Stunde spinnen können. Das ist mit Gaudís Kathedralen-Entwurf vergleichbar: Der stellt automatisch immer mehr dar als der Entwurf einer Hundehütte. Und selbst, wenn es Gaudí wäre, der dann eine vielleicht sogar tolle und interessante Hundehütte entwirft, würde sie nie eine Chance haben, sich gegen die emotionale Wirkung der Kathedralen anderer Architekten durchzusetzen.

Was hat das mit unserem Musikgeschmack zu tun? Inwiefern haben Erwartungen und Gewöhnung etwas damit zu tun, was wir als gut und angenehm empfinden?

Das Spiel mit Erwartungen wird überwiegend über Regularitäten geführt, mit denen wir vertraut sind. Durch ein relativ kompliziertes Regelwerk können wir z.B. intensive musikalische Spannung erzeugen. Ansonsten könnten Sie auch einen Ton immer wiederholen und ihn ab und zu ein bisschen länger oder kürzer oder lauter oder leiser machen – das wäre auch schon Abwechslung. Aber das reicht uns in der Regel nicht, wir wollen komplexere Regelwerke haben, weil es uns Spaß macht, festzustellen, dass die Prädiktionen, die wir getroffen haben, korrekt sind – und es macht mehr Spaß, Prädiktionen erfüllt zu sehen, wenn die Regeln kompliziert sind. Das ist etwas, womit vor allem unsere klassische Musik in vielerlei Hinsicht spielt. Sie baut Erwartungen auf, diese werden erfüllt oder nicht erfüllt. Oder Erwartungsbrüche werden in einer spannungsvollen Schwebe gehalten, bis sie aufgelöst werden.

„Prinzipiell gibt es Musik, für die diese Spannung und das Spiel mit Erwartungen sehr wichtig ist.“

Was geschieht, wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden?

Wenn Erwartungen nicht erfüllt werden, es also z.B. zu Trugschlüssen kommt, fühlen wir Überraschung, gefolgt von der Antizipation einer entspannenden Auflösung. Dieses Spiel ruft in uns Emotionen hervor, die identisch sind mit denen, die auch im „alltäglichen“ Leben hervorgerufen werden. Die Überraschung zum Beispiel, die erfolgt, wenn ich ein unerwartetes Ereignis im „realen“ Leben erlebe, ist nicht zu unterscheiden von der, die ich beim Hören von Musik erlebe. Prinzipiell gibt es Musik, für die diese Spannung und das Spiel mit Erwartungen sehr wichtig ist, und andere „Musiken“, in denen dies praktisch keine Rolle spielt; für klassische und romantische Musik, wie beispielsweise eben auch für Dvořák, ist das wichtig.

Warum lieben alle Dvořák?

Dvořák schrieb innerhalb eines musikalischen Idioms, das wir kennen, das wir verstehen, mit dessen Regeln und Prinzipien wir vertraut sind. Dvořáks Musik ist Dur-Moll-tonal und darin kennen wir uns, zumindest die, die jahrelange westliche Musikerfahrung haben, extrem gut aus – unabhängig davon, ob dies einer Person bewusst ist oder nicht. Wir wissen, welche Akkorde und welche Töne zu erwarten sind und welche nicht. Das Spiel mit der musikalischen Spannung und den Regularitäten trifft voll zu, und genau dieses Spiel können wir bei Schönberg praktisch überhaupt nicht anwenden. Das „fehlt“ sozusagen bei Schönberg, wobei seine Musik selbstverständlich auch Regeln unterliegt, die aber anders funktionieren und nicht direkt hörbar und erlebbar sind. Für Schönbergs Musik sind andere Dinge wichtig. Schönberg erzeugt Spannung durch andere Mittel, z.B. durch musikalischen Ausdruck.

Ist Dvořák im Gegensatz zu Schönberg einfacher hörbar, weil er erwartbarer ist?

Im Hinlick auf musikalischen Ausdruck sind beide sehr stark darin, menschliche affektive Sprechmelodie, affektive Vokalisationen und Gestik in Töne zu setzen. Schönberg gehört zu den wenigen Komponisten, die es durch den zeitlichen Filter geschafft haben. Zu Schönbergs Zeiten hat es wahrscheinlich mehr Komponisten gegeben als jemals zuvor, und trotzdem gehört Schönberg zu den ganz wenigen, die heute noch gehört werden. Das liegt sicherlich auch mit daran, dass Schönberg besonders stilvoll mit besonders tiefer Einsicht so komponiert hat, dass seine Musik äußerst emotional ansteckend sein kann und zugleich überhaupt nicht kitschig wirkt. Was Dvořák natürlich auch gar nicht ist, überhaupt nicht – er ist einer meiner Lieblingskomponisten. Schönbergs Musik bringt aber etwas mit sich, was relativ einzigartig ist und vor allem damals etwas völlig Neues war. Irgendwann ist es dann ja auch genug mit dem romantischen Idiom. Wenn alle so geschrieben hätten wie Dvořák, wäre es auch irgendwann langweilig geworden.

Zu guter Letzt: Wie wird man einen Ohrwurm los?

Man muss sich akustisch auf etwas anderes als den Ohrwurm konzentrieren. Sie können nämlich niemals zwei Melodien gleichzeitig hören, d.h. wenn Sie einen Ohrwurm haben, dann denken Sie einfach an eine andere Melodie oder ein anderes Stück oder an etwas anderes Akustisches. Es kann natürlich sein, dass der Ohrwurm dann wieder mal auftaucht, aber sobald man an etwas anderes denkt, ist er wieder weg. 

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