zurück

Jesus und andere Wundermittel: Hildegard von Bingen

 

Als Hildegard von Bingen in einem unbekannten Ort an einem unbekannten Tag im Jahr 1098 geboren wurde, konnte man als Frau entweder Ehefrau, Sünderin oder bestenfalls Nonne werden. Hildegard wurde Nonne. Und Schriftstellerin, Dichterin, Lingu-istin, Komponistin, Wissenschaftlerin, Philosophin, Ärztin, Hellseherin, Ethikerin, Kosmologin, Predigerin und christliche Denkerin. Sie verkörperte vieles, wofür Feministinnen un Feministen heute, knapp 900 Jahre später, immer noch kämpfen. Ihre Errungenschaften grenzen an ein Wunder, nicht nur, weil sie in einer mittelalterlichen Männerwelt eine beachtliche Karriere als Ratgeberin von Bischöfen, Königen und dem Kaiser machte, sondern weil sie parallel auch noch noch zehn Bücher verfasste, drei Klöster gründete, eine eigene Sprache erfand und 77 Lieder im eigenen Notationssystem aufschrieb.

Allerdings verstand Hildegard sich selbst nicht als übertalentierte Allrounderin, sondern in erster Linie als Medium und Instrument Jesu. Bereits im Kindesalter hörte sie jede Nacht die Stimme des Herrn, begleitet von Visionen, die die heiligen Worte bunt und in bewegte Bilder illustrierten. Am Tag setzte Hildegard ihre Visionen in die Tat um. Unermüdlich arbeitete sie an der Welt, von der Jesu ihr erzählte: eine Welt, in der Gott, Leib, Seele, Wort, Musik und Natur zu einem Ganzen verwoben sind und sich ohne einander nicht denken lassen. Und mitten in diese Welt stellte sie den Menschen als geliebtes Geschöpf Gottes, das die Verantwortung trägt, Mikro- und Makrokosmos in ein harmonisches Verhältnis zueinander zu setzen.

Ein modernes Wunder Hildegards ist, dass sie heute immer nochdiejenigen ernährt, die sich mit ihr beschäftigen.

Seit 1969 sind Ihre CD-Verkaufszahlen stetig gestiegen und eine Reihe verschiedener Wellness- und Bioprodukte berufen sich auf ihre Rezepturen. Ein weiteres modernes Wunder scheint auch zu sein, dass die Römisch-Katholische Kirche sie im Jahr 2012, nachdem 1228 zum ersten Mal der Antrag auf ihre Heiligsprechung gestellt wurde, in das Verzeichnis der Heiligen aufnahm. Hallelujah!

Von Sascha Maxim

zurück