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Kreativitästechniken mit Mozart

Von: Alexander Golovin

Klarinette, Plattenspieler oder Gameboy? – die Gerätchenfrage.

Wer die Geschichte der Musik und ihrer Ideen, Evolutionssprünge und Erneuerungen untersuchen will, kann den Fokus auf Genius, Geist und Zeitgeist legen. Genauso gut ließe sich aber auch eine Innovationsgeschichte der Instrumente und ihrer Erforschung durch Musiker, Komponisten und DJs schreiben. Klarinette, Plattenspieler oder Videospielkonsole geraten dann zum Sprungbrett für mutige Geister wie Mozart und Grandmaster Flash, technische Begrenzungen zu Herausforderungen an das kreative Genie.

Komponieren – das ist die Fähigkeit, jene Klänge und Farben hörbar zu machen, die sich im Kopf als musikalische Ideen entfalten. Dazu gehört unter anderem die Suche nach den richtigen Instrumenten, ihrer klanglichen Zusammensetzung und der passenden Dynamik und Register. Oft haben Komponistinnen und Komponisten bei dieser Arbeit mit weiteren, äußeren Umständen zu kämpfen, die ihre Werke beeinflussen und prägen: So stellen die technischen Möglichkeiten der gewählten Instrumente eine besondere Herausforderung dar. Gleichzeitig liegt in den Neuerungen und Weiterentwicklungen der Technik stets die Chance, dass sich neue Herangehensweisen und stilistische Ausrichtungen herausbilden können.

Instrument mit vielen Unbekannten: Mozart und die Klarinette.

Wolfgang Amadeus Mozart bediente sich in seinen Werken fast aller Instrumente seiner Zeit – selbst Flöten, gegen die der Komponist wohl eine gewisse Abneigung hegte, kamen zum Einsatz. Zur Klarinette hingegen hatte Mozart ein ganz besonderes Verhältnis. Das seiner Zeit recht neue Instrument – damals für sein Quietschen und eine mangelnde Intonation berüchtigt – fand in Salzburg zunächst wenig Beachtung. Umso mehr faszinierten die Klarinetten den jungen Mozart 1764 während eines Besuchs in London. Von den negativen Urteilen gegenüber dem noch wenig etablierten Instrument ließ sich Mozart nicht beirren, ganz im Gegenteil war der Komponist von dem neuen Klang sichtlich angetan. In Mannheim begegnete er erneut dem Instrument und schrieb entzückt an seinen Vater: „Ach, wenn wir doch nur Clarinetti hätten!“

Die Gelegenheit zu einer gründlicheren Auseinandersetzung bot sich allerdings erst, als Mozart nach Wien zog und sich mit Anton Stadler anfreundete, einem Klarinettenvirtuosen, der ab 1782 an der Hofmusikkapelle angestellt war. Durch Stadler erhielt Mozart einen tieferen Einblick in die Möglichkeiten des Instruments. Ihre Zusammenarbeit blieb nicht folgenlos: Während die Klarinette in Mozarts Klavierkonzerten nur spärlich auftaucht, findet man sie in sämtlichen seiner vollendeten Opern nach „Idomeneo“ (1780) wieder. Auch setzt Mozart in der Orchestrierung oft das Bassetthorn ein, eine (angebliche) Erfindung von Stadler und Theodor Lotz, dem Wiener Hofinstrumentenmacher. Das Bassetthorn verfügt über ein tieferes Register als die gewöhnliche Klarinette; Stadlers virtuoses Können auf beiden Instrumenten inspirierte Mozart vermutlich dazu, schwierigere Passagen für das wärmere Chalumeau-Register der Klarinette zu komponieren.

Ihren Höhepunkt findet Mozarts Bewunderung für das Instrument im Klarinettenkonzert (1791) und im Klarinettenquintett (1789). Dabei muss man sich vor Augen halten, welche Schwierigkeiten diese Stücke den Spielern der damaligen Zeit bereitet haben müssen. Da das Griffsystem noch sehr rudimentär war, war ein hohes Maß an spielerischem Können notwendig; die heute gängigen Systeme wurden erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelt. Mit nur wenigen Klappen und ohne die Ringe und Federn, die moderne Klarinetten besitzen, ist es höchst bemerkenswert, wie viel Mozart und seine Interpreten diesem neuen Instrument entlocken konnten: Virtuose Tonleiterfiguren, Melodien in den hohen, vergleichsweise instabilen Registern, aber auch neue warme Klangfarben, die seither das Orchester bereichern.

Mehr als ein Plattenspieler: Grandmaster Flash.

Ein DJ-Pult setzt sich in der Regel aus zwei Plattenspielern und einem Mixer zusammen, der es ermöglicht, die Lautstärke beider Seiten unabhängig voneinander zu beeinflussen und zwei Aufnahmen zu mischen. In den frühen 1970er Jahren nutzte man diese Technik, um den Übergang zwischen zwei Schallplatten derart nahtlos zu gestalten, dass das Publikum ohne Unterbrechung weitertanzen konnte. Doch schon bald begannen DJs aus der New Yorker Bronx, wie Afrika Bambaata, Grandmaster Flash und Grand Wizard Theodore, mit dem Plattenspieler zu experimentieren und neue klangliche Möglichkeiten auszuloten. So ließen sie bei ihren Auftritten den Nadelkopf auf ganz bestimmte Stellen einer Schallplatte fallen – etwa die Momente, an denen ein ‚Break‘ einsetzt (ein Schlagzeugmotiv, das oft am Ende eines Funk-Songs erklingt); auch nutzten sie einzelne Wörter (oder Wortfragmente), die sich durch das gezielt wiederholte Abspielen selbst zu einem Beat entwickelten. Neben diesen Techniken, bei denen DJs das Originalstück auf einer Mikroebene manipulieren (das Mixing), gibt es auch das Spiel auf der Makroebene (das Programming): Hierbei geht es vor allem um die Auswahl der verschiedenen Platten, Stile und Genres, den Wiedererkennungswert des Originals und wie oft ein Stück innerhalb eines Musiksets auftaucht. Wichtig ist dabei nicht nur die gelungene Kombination der unterschiedlichen Aufnahmen, sondern auch ein Gefühl für ästhetische Kontinuität.

Eines der berühmtesten Stücke, das auf diese Weise entstand, ist Grandmaster Flashs „The Adventures of Grandmaster Flash on the Wheels of Steel“ aus dem Jahr 1981. Flash setzt hier anstatt der üblichen zwei gleich drei Plattenspieler ein. Von Anfang an wird deutlich, dass es sich um ein gut durchdachtes Konzeptstück handelt, in dem Geräusche nicht länger als unerwünschte Effekte auftreten, sondern zum wichtigsten Instrument werden, während sich die Stimme in ein Rhythmuselement verwandelt. In seiner bildreichen Analyse beobachtet Kodwo Eshun, dass der Track sich nicht sequentiell entwickelt, sondern immer wieder neu beginnt; das Stück „schneidet“ die Basslinie und Schlagzeug-Sektion von Chics Hit „Good Times“ (1979) aus und lässt nur den Beat zurück. Eshun nutzt hier den Begriff „Scratchadelia“, der 1993 von DJ Droppin’ Science geprägt wurde und direkte Assoziationen zur psychedelischen Kunst der 1960er Jahre hervorruft. Grandmaster Flash „verwandelt Beats in fließende sonische Materie“, und knüpft damit an synästhetische Erfahrungen der psychedelischen Musik an. Das Stück erlaube eine aktive Neuformung eines jeglichen Klangs, Geräuschs oder des Knackens einer Aufnahme, ohne das Original in den Vordergrund zu stellen: „ein konzeptueller Ansatz für die sonische Organisation anstatt ein bestimmter Sound per se“. „The Adventures of Grandmaster Flash on the Wheels of Steel“ setzt bekannte und neue Elemente auf so kreative Weise zusammen, dass das Stück als Ursprung und Höhepunkt einer neuen Kunstform gehandelt wird.

Kein Kinderspiel: Koji Kondo und der Super-Mario-Sound.

Videospiele zählen bereits seit den 1970er Jahren zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen, und das unabhängig von Alter und Geschlecht. Aus Sicht des irischen Komikers Dara Ó´Briain stellen sie womöglich die einzige Kunstform dar, die von ihren Rezipienten sowohl Interaktion als auch ein gewisses Können fordern, um das Gesamtwerk genießen zu können. Die auditive Ebene heutiger Videospiele ist dabei vielschichtig: Sie beinhaltet Geräusche, aufgezeichnete Dialoge und Musik. Zu Beginn konnten die Spieleentwickler nur Soundeffekte einbinden; als jedoch in den späten 1970ern die Heimspielkonsole Verbreitung fand, ermöglichten die verbesserte Leistung und die Integration sogenannter Soundchips, dass nun auch Musik in die Spielwelt Einzug erhielt. Zunächst wurden dazu vereinfachte Versionen klassischer Musikwerke verwendet. Erst in den 1980er Jahren unternahm die japanische Firma Nintendo den ersten  Schritt in eine neue Richtung: Das Unternehmen beauftragte den 1961 geborenen Koji Kondo, für das Spiel “Super Mario Bros.” die Musik zu komponieren. Die begrenzten Möglichkeiten des Klangerzeugungs-Chips im Nintendo Entertainment System beinhalteten allerdings eine enorme kompositorische Herausforderung: Für die Musik konnten nur fünf Kanäle (vergleichbar etwa mit Instrumenten oder Stimmen) verwendet werden. Davon ließen sich vier programmieren – zwei Kanäle für die Melodie und jeweils einer für Bass und Schlagzeugsektion. Der fünfte Kanal stellte voreingespielte Samples zur Verfügung.

Die nächste Hürde bestand darin, dass immer nur drei dieser fünf Kanäle gleichzeitig ‚aktiv‘ sein (d.h. gleichzeitig erklingen) konnten. Auch gab es im System nur drei unterschiedliche Klangfarben zur Auswahl. Die wohl größte Einschränkung bestand jedoch im Speicher des Gerätes, der die Länge der einspielbaren Musik stark limitierte.

Doch gerade im Hinblick auf ihre minimalistischen Qualitäten ist die Musik Kondos einzigartig. Kondo schuf einen Loop aus kleineren musikalischen Blöcken, die er so anordnete, dass sie die repetitive Struktur kaschierten. Dies führt dann zu der wirklich beeindruckenden Wiederholungsrate von 72%, sodass in einem etwa 90 Sekunden langen Abschnitt lediglich 25.5 Sekunden an eigenständigem Material zum Einsatz kommen. Auch arbeitete Kondo eng mit den Spieleentwicklern zusammen und passte das Tempo der Musik an die Bewegungen der Spielfiguren und die Soundeffekte an. Obwohl die Melodie oft durch die programmierten Geräusche unterbrochen wird, bleibt der musikalische Fluss stets erhalten. Der Soundtrack von “Super Mario Bros.” wurde mit einer leicht wiedererkennbaren Eingangsmelodie konzipiert, die zahlreiche Beschränkungen der Hardware wettmacht. Zugleich bleibt die Musik variabel; damit sollte vermieden werden, dass die Wiederholungen den Spielenden auf die Nerven fallen.

Der prägnante, minimalistische Klang der Soundchips erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit und erlebt seit einigen Jahren eine nostalgische Renaissance in den sogenannten Chiptunes, einem Genre, in dem z.B. durch die Modifizierung eines GameBoys synthetische Klänge erzeugt und zu neuer Musik kombiniert werden.

Vom Federkiel zur Tastatur.


Die drei verschiedenen Beispiele illustrieren die kreativen Möglichkeiten, die in instrumentalen bzw. technischen Gegebenheiten stecken, aber auch die sich wandelnde Rolle des Komponisten. Mozarts Verwendung der Klarinette verkörpert den klassischen kompositorischen Ansatz: Ein fertiges Werk gilt als abgeschlossen und wird nicht mehr verändert. Lediglich die Interpretation sorgt innerhalb des vorgegebenen Rahmens für Variation – etwa durch Gestaltung der Tempi und Klangfarben. Die Arbeit der DJs lässt die Trennung zwischen Performer und Komponistin verschwinden. Schallplatten und ihr musikalisches Material ermöglichen neue transkulturelle und intertextuelle Bedeutungen in der Musik, indem sie auf ähnliche Weise genutzt werden, wie westliche klassische Komponisten Instrumente einsetzen. Diese neuen Praktiken und Werke wie “The Adventures of Grandmaster Flash on the Wheels of Steel” basieren auf der unkonventionellen Verwendung von Tonträgertechnologien. Die Videospieler schließlich brechen mit der Vorstellung eines passiven Zuhörers. Dadurch, dass sie die vom Komponisten angelegten musikalischen Stationen bereisen und neu zusammensetzen, werden Spieler selbst zu Performern und Co-Komponisten, die mit jeder Interaktion neue, einzigartige Stücke kreieren.

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