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Ode an den Mainstream

Von Martin Zingsheim

Oh, Ihr postpostmodernen PseudoKlangkünstler

Schluss mit Euch!

Und hinfort, Ihr hysterischen performance artists

Au revoir, ihr manisch expressiven Soundskulpteure

Und tschüss, ihr staatlich subventionierten Mikrointervallfetischisten

Und nehmt ja Eure lärmenden Klanginstallationen mit

Hundert Jahre gesprengte Tonalität und arhythmisches Gefiepe

Hundert Jahre Rezipientenaktivierung und zweckentfremdete Streichinstrumente

Hundert Jahre Polyrhytmik

Was seid ihr denn schon

Gegen vierhundert Millionen Jahr Wohlklang und Harmonie?

Gebt uns mal wieder ein Konzert, verdammte Hacke.

Ein Konzert

Kein happening

Keine dekonstruktivistische Revue

Kein Flageolett-Inferno aus kleinen Sekunden, während achtundvierzig gleichstimmig-schwebend

temperierte Hackbretter von einem depressiven Fagottisten mit Farbe beschmissen werden

Nein, ein Konzert

Ein echtes

So richtig mit Streichern, die gestrichen werden

Nicht gekratzt

Mit geraden Takten, melodischen Strukturen und einem harmonischen Zentrum

Wisst ihr noch, wie man das einst nannte?

Genau

Musik

Schon mal von gehört?

Musik

Nicht hybride Topologien einer ewigen Kantilene, deren performativ visualisierte Gebrochenheit die mimetische Krise des Subjekts in einer atomisierten Wirklichkeit erfahrbar machen sollen

Nein, Musik

Gebt uns Wohlklang

Gebt uns tönende Verlässlichkeit

Gebt uns … es muss ja nicht gleich Mozart sein, mein Gott

Wir verlangen doch gar nicht viel

Meinetwegen heute mal kein Bach

Is doch okay, kein Beethoven von mir aus

Kein Schubert, Schumann, macht doch nix

Gebt uns nur ein wenig

Vielleicht einen …

Einen Dvořák!

Oder zwei?

Nein, einer, okay

Die Neunte reicht ja völlig

Die Neunte ist doch bei jedem die Beste

Außer bei Haydn vielleicht

Gebt uns einen Dvořák

Ist er nicht der Größte unter allen?

Der stets unterschätzte?

Immer sauberes Mittelfeld, ganz solide

Klar, is nich Champions League

Aber immer weit genug entfernt von den Abstiegsrängen

Niemals abgestiegen, niemals rausgefallen aus den Konzertplänen Europas

Ist Dvořák nicht der Größte?

Da weiß man, was man hat

Da schwelgt die Seele im musikalischen Zauberland 

zwischen Sonatenhauptsatzform und folkloristischem Kolorit

Dvořák, herrlich!

Die klanggewordene CDU: Keine Experimente

Scheiß auf Offene Form und chance operations

Wir brauchen Sicherheit, Stabilität und Geschlossenheit

Dvořák ist die Kanzlerin unter den Komponisten

Eine philharmonische Schmeichelei, eine Abo-Nutte

Versuchen Sie mal ein Konzert mit Schönberg, Berg und Webern zu befüllen

Und viel Spaß mit Ligeti

Da hilft nicht mal das Zauberwort mit f: Freikarten

Gebt uns einen Dvořák

Er ist der Telemann unter den Romantikern:

Vermisst so schnell niemand

Geht aber immer

Oh, Ihr grafisch notierenden Geräuschfuzzis

Da könnt ihr einpacken, ihr polarisierenden Tonbandschnibbler

Denn Dvořák ist wie Carl Stamitz, wie Hummel und Neruda

Klar, gibt Bessere

Aber ernsthaft scheiße kann man das auch nicht finden

Wir brauchen Maß und Mitte

Rechts wie links lauern die Extreme

Extreme sind immer schlecht für die Ohren

Die Antifa ist zu laut und Morton Feldman ist zu leise

Oh, Ihr gattungssprengenden Multisensoriker

Ihr grenzgehenden Horrorakustiker

Gebt uns einfach unseren Dvořák

Wir finden schon noch die Realität, die zu unserem Musikgeschmack passt

Gebt uns einfach unseren Dvořák

Oder Brahms, der ist auch voll schön.

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