Es ist ein kalter Januartag des Jahres 1905: Etwa 140.000 Menschen versammeln sich in St. Petersburg auf dem Platz vor dem Zarenpalast. Sie wollen eine Bittschrift an den Zaren übergeben, wollen ihn auffordern, ihre Lebensumstände zu verbessern. Doch es kommt anders: Ein Heer von Soldaten schlägt die Versammlung brutal nieder, hunderte Tote und tausende Verletzte bleiben zurück. Als »St. Petersburger Blutsonntag« wird das Ereignis in die Geschichte eingehen. Und als ein tieftrauriges Bild dafür, wie ziviles Engagement von staatlicher Willkür im Keim erstickt wird.
Kleine Schritte statt großer Sturm
Die Soziologin Dr. Elena Stein ist Vorstandsvorsitzende des Berliner Vereins CISR (Center for Independent Social Research). Ein Verein, dessen Fokus auf der Entwicklung der Zivilgesellschaft in postsozialistischen Ländern wie Moldawien, Georgien, Aserbaidschan oder Armenien liegt: »Wir setzen uns für friedliche Konflikt-Transformationen ein«, erklärt Stein. »Zum Beispiel haben wir viele Bildungsprogramme organisiert rund um die Konflikte in Bergkarabach. An anderen Orten wiederum haben wir städtischen Aktivismus gefördert, partizipative Projekte innerhalb einer Stadt.«
Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine aber haben sich die Arbeitsschwerpunkte des CISR verlagert: »Es war klar, dass wir unsere Expertise und unsere Ressourcen jetzt umwandeln müssen. Seither sind wir stark in die Anti-Kriegs-Bewegung involviert – weniger auf politischer, denn auf zivilgesellschaftlicher Ebene. Unser Verein ist Mitglied einer Plattform von humanitären und zivilgesellschaftlichen Anti-Kriegs-Initiativen. Das ist eine Vereinigung von über 100 Organisationen und Privatpersonen, die hauptsächlich russischen Background haben und mittlerweile auf über 40 Länder verteilt sind. Unser Ziel ist es, sich gegenseitig zu stärken und die Arbeit dadurch effektiver zu machen.« Auch wenn sie schon seit 20 Jahren nicht mehr in Russland lebe, so Elena Stein, fühle sie sich als Russin verpflichtet, mitzuwirken: »Wohl wissend, dass keine aktivistische Bewegung jemals einen Krieg gestoppt hat – aber ich glaube: Aufhören oder nichts zu tun ist auch keine Alternative.«
Es ist ein Engagement, das gezwungen ist, in kleinen Schritten zu denken, langfristig und perspektivisch zu agieren. Auch wenn viele sich eine schnellere Veränderung wünschen würden – Elena Stein hat die Realität im Blick: »Ich glaube, zum jetzigen Zeitpunkt würde eine Revolution in Russland sehr viel Gewalt mit sich bringen und sehr viele Menschenleben kosten. Es würde stark an der Grenze zum Krieg sein. Das kann ich als Vertreterin der Zivilgesellschaft nicht befürworten. Was ich mir aber wünsche, ist, dass die einzelnen Protestbewegungen stärker werden. Und dass sie vielleicht von unerwarteten Seiten verstärkt werden und in verschiedensten Regionen zu verschiedensten Themen Zeichen setzen.« Denn in jedem Protest stecke politisches Potenzial, das dazu führen könne, »dass diese Proteste vereint werden zu etwas, das man dann möglicherweise Revolution nennen kann.«
Hoffnung – und Desillusionierung
Der Komponist Dmitri Schostakowitsch war den Repressionen des sowjetischen Regimes sein Leben lang ausgesetzt, mal mehr, mal weniger stark. Nach der Premiere seiner Oper »Lady Macbeth von Mzensk« 1934 statuierte Stalin ein Exempel: Das Parteiorgan Prawda veröffentlichte den Hetzartikel »Chaos statt Musik«, in dem Schostakowitschs Oper als Ausdruck »linksradikaler Zügellosigkeit« und »kleinbürgerlichen Neuerertums« verurteilt wurde. Alle Aufführungen wurden gestoppt; Kritiker, die das Werk positiv rezensiert hatten, mussten Abbitte leisten. Für Schostakowitsch war die Situation lebensbedrohlich: Er schlief nur noch in Kleidern, mit einem kleinen Koffer unter dem Bett – in steter Angst, nachts von der Geheimpolizei abgeholt zu werden. »Das Warten auf die Exekution ist eines der Themen, die mich mein Leben lang gemartert haben, viele Seiten meiner Musik sprechen davon«, bekannte er einmal. Mehrfach wurde er in die Geheimdienstzentrale vorgeladen und eingeschüchtert, Depressionen und Suizidgedanken ließen ihn nicht mehr los.
Als 1956 Schostakowitschs 11. Symphonie entstand, hatte sich das innenpolitische Klima in der Sowjetunion etwas gebessert: Nach Stalins Tod 1953 gab es vereinzelt Lockerungen – die berühmte »Tauwetterperiode« schien angebrochen. Auf dem 20. Parteitag von 1956 hatte Nikita Chrustschov eine Rede gegen den Stalinismus gehalten, aus der viele Hoffnung schöpften. Doch die Niederschlagung des ungarischen Aufstands im selben Jahr setzte schon wieder andere Signale. So ist Schostakowitschs 11. Symphonie nicht als linientreue Lobeshymne auf die Revolution von 1905 zu verstehen – sondern als zeitloser, umfassender Appell gegen Gewalt und Unterdrückung. Er habe anhand der Ereignisse von 1905 etwas über die Gegenwart sagen wollen, erklärte Schostakowitsch später in seinen geheimen Gesprächen mit dem Musikwissenschaftler Solomon Volkow. Er habe erzählen wollen von der in der russischen Geschichte immer wieder zu erlebenden Erfahrung von Hoffnung auf Verbesserung einerseits – und Desillusionierung andererseits.
Auch wenn die Revolution von 1905 niedergeschlagen wurde: Aus Wut über die gewaltsamen Vorgänge brachen in der Folge Streiks und Aufstände in ganz Russland aus – und beim nächsten Angriff auf das Zarensystem, 1917, stürzte es endgültig. Spätestens die Revolution von 1917 wurde ein vielfach ausgeschlachtetes Thema des bolschewistischen Propagandaapparats: Generationen von Sowjetbürgern wuchsen mit Filmen vom heroischen Sturm des Winterpalasts auf – knatternde Gewehre, donnernde Kanonen, Menschenmassen, die den Palast stürmen. Dabei wäre dieser Sturm gar nicht nötig gewesen: Der Zar befand sich bereits in sibirischer Verbannung. Doch es ging um die Stärke des Bilds: Ein Bild, das dem Sturm auf die Bastille bei der Französischen Revolution 1789 ähneln sollte. Wohlweislich ignorierend, dass mit der Französischen Revolution die Ideale der Demokratie errungen und bis heute gefeiert werden – die russische Revolution hingegen in ein neues System der Unterdrückung mündete.
»Die repressive Maschine ist schnell«
Die Menschen, die derzeit in Russland Widerstand leisten, setzen sich größten Gefahren aus. Welche Möglichkeiten sieht Elena Stein überhaupt für oppositionelle Bewegungen? »Im Moment ist der Raum zum Handeln sehr begrenzt«, berichtet sie. »Wenn man allein mit einem Plakat auf die Straße geht, hat das sehr wahrscheinlich zur Folge, dass man verhaftet wird. Ebenso, wenn man etwas auf Social Media postet. Teenager kommen ins Gefängnis – ein 15jähriger wurde zu 6 oder 7 Jahren verurteilt, weil er im Treppenhaus Flugblätter verteilt hat. Das System arbeitet gezielt damit, Angst zu verbreiten.« Für einen offenen politischen Protest sieht Stein deshalb momentan wenig Möglichkeiten: »Der Preis und die Risiken sind zu hoch, es wird zu nichts führen: Wenn 1000 Leute auf die Straße gehen, werden 2000 Polizisten da sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass alle 1000 Demonstranten im Gefängnis landen, ist groß – die repressive Maschine ist ziemlich schnell unterwegs.«
Stattdessen setzt Elena Stein auf viele kleine Bewegungen: »Wir wissen, dass die Zahl der Arbeiterproteste steigt – durchschnittlich gibt es einen Protest pro Tag in Russland. Die meisten Forderungen sind sehr persönlich, es geht um Gehälter und Arbeitsbedingungen. Viele richten ihren Appell an Putin, bitten ihn um Hilfe – es ist also weit entfernt von einem politischen Protest. Trotzdem finde ich wichtig zu verstehen: Wenn eine Gruppe von Menschen die Angst verliert, sich zu positionieren, dann kann das der Spalt sein, um in die Tür reinzukommen.« Ähnlich ordnet Stein auch die Protestbewegungen von Ehefrauen mobilisierter Soldaten ein: »Zwar wurde das im aktivistischen, oppositionellen Umfeld teilweise belächelt – für mich aber ist es ein starkes Zeichen. Auch wenn diese Frauen vornehmlich an sich und ihre Familien denken: Solche Proteste rütteln an der Glaubhaftigkeit der Regierung und sind deshalb genauso wichtig. Man darf sie nicht belächeln. Darüber hinaus gibt es zum Beispiel auch Umweltproteste auf städtischer Ebene: Menschen, die ihre Parks verteidigen oder gegen den Bau neuer Fabriken kämpfen. All das zeigt den Willen und die Bereitschaft, sich zu äußern.«
Letztlich also ist es die Hoffnung auf ein Schneeballsystem: »Je mehr solche Baustellen wir haben, desto mehr können wir daran arbeiten. Wenn wir die Proteste einzeln sehen, scheinen sie nicht wesentlich. Aber wenn wir großflächig schauen, wie viele Menschen ein bestimmtes Problem satt haben, dann können wir überlegen: Wo liegt jetzt der Mechanismus, das zu vereinen? Und dann bedarf es einer klugen Führung von klugen Menschen, damit es eben nicht zu einem Krieg kommt und zu Toten, denn: Nichts im Leben ist es wert, dass jemand stirbt.«
Tiefste Traurigkeit
Schostakowitschs 11. Symphonie ist geprägt von intensiven atmosphärischen Schilderungen – immer wieder vor allem wird eine große, fast grenzenlose Trauer spürbar. Motivisch arbeitet Schostakowitsch mit Revolutionsgesängen verschiedenster Art – hütet sich aber meist davor, sie als triumphale, repräsentative Hymnen des Sozialistischen Realismus einzusetzen. Vielmehr flößt er den Gesängen Menschlichkeit ein: Mal klingen sie verzweifelt, mal sind sie voller Wut, dann wieder voller Hoffnung.
Die Symphonie hat vier Sätze und wirkt in diesem Aufbau fast klassisch – doch weicht sie in vielem von der klassischen Form ab, so etwa darin, dass es nicht einen, sondern zwei langsame Sätze gibt. Einer dieser langsamen Sätze ist der 1. Satz (Der Palastplatz): Mit langen Akkorden, zarten Melodien und einem leisen, triolischen Paukenrhythmus schildert er die gespannte Atmosphäre auf dem kalten Platz. Aus der Ferne hört man Fanfaren aus gestopften Trompeten, die auf die nahenden Soldaten hindeuten. Der 2. Satz trägt die Überschrift: Der 9. Januar. Im 6/8-Rhythmus drängt die Musik voran, basierend auf Zitaten des Liedes »O du, unser Väterchen Zar«. Doch der versuchte Appell an den Zaren mündet in eine aggressive, sich immer dramatischer steigernde Fuge der Streicher und Pauken: Die Schüsse der Soldaten auf die demonstrierende Volksmenge sind schonungslos hörbar komponiert. Dann kehrt plötzliche Stille ein, als sei abrupt ein Film gerissen. Wie noch unter Schock erklingt die Musik des leeren Palastplatzes aus dem 1. Satz wieder, nun aber anders konnotiert: Denn nun ist der Platz von Leichen übersät. Der 3. Satz, der eigentliche langsame Satz der Symphonie, beginnt noch in Schockstarre und entfaltet sich zu tiefster Trauer: Er ist mit »In memoriam« überschrieben und den Toten gewidmet. Nach dieser intensiven, eindringlichen Klage wirkt der 4. Satz (Sturmgeläut) auftrumpfend und den späteren Sieg der Revolution von 1917 vorwegnehmend: Kämpferisch zitiert die Musik die »Warschawianka«, die sogenannte »Marseillaise Polens« – in der Sowjetunion bekannt als Arbeiterhymne. Doch auch hier findet sich eine der vielen Doppelbödigkeiten, die in Schostakowitschs Werk so häufig zu entdecken sind: Der polnische Freiheitskampf, in dem die Warschawianka entstanden ist, war ein Freiheitskampf gegen die russische Regierung ...
»Eine Frage des Storytelling«
Im Propagandaapparat des heutigen Russland taucht Schostakowitschs Musik zwar auf, vor allem aber die Werke, die sich gut für die Zwecke des Regimes instrumentalisieren lassen. 2022 wurde im russischen Schulunterricht das Pflichtfach »Gespräche über das Wichtige« eingeführt, ein explizites Propaganda-Fach. Eine Lehrerin, die sich erlaubt hatte, beim Thema »Helden« über zivile Helden wie etwa Ärzte zu sprechen, wurde vom Schulunterricht suspendiert. Vor wenigen Monaten berichtete sie in der deutschen Presse: »Jedes Thema wird für Propaganda genutzt. Nehmen wir das Thema Musik: Man soll über Schostakowitsch reden und seine 7. Symphonie, die er während der faschistischen Blockade von Leningrad 1941 geschrieben hat. Dann soll man kurz den Zweiten Weltkrieg ansprechen und von dort den Bogen schlagen zu den Ereignissen in der Ukraine, wo unsere Soldaten angeblich, wie damals, die Heimat gegen die Faschisten verteidigen«.
Auch Elena Stein weiß: »Man kann alles umdrehen – zum Beispiel wird heute auch Stalins Rolle wieder in ein positives Licht gerückt. Es ist eine Frage des Storytelling. Und das hat die russische Regierung genau erkannt; deswegen investieren sie sehr viel im Bereich der Schule. Eigentlich ist es schon vom Kindergarten an sehr propagandistisch – und das war übrigens lange vor 2022 so.« Stein empfindet genau diesen Aspekt als besonders schmerzhaft: »Ich mache mir große Sorgen darüber, dass wir die nächsten zwei Generationen jetzt vor unseren Augen fast verlieren. Es ist eine der wichtigsten Zielgruppen. Die, die heute 15 sind, in fünf Jahren sind sie 20 – eine Generation, die nie Zugang zu einem demokratischen Way of life hatte. Und ich wünsche mir, dass sowohl die Zivilgesellschaft im Exil als auch in Russland den Schülern und jungen Erwachsenen mehr Achtung gibt und versucht, ihnen zu zeigen, was für Einschränkungen sie jetzt durchleben und weiterhin haben werden, wenn sie diesen Kurs länger verfolgen.«
Schostakowitschs Sohn Maxim, später ein international gefragter Dirigent, wurde mit zehn Jahren im Schulunterricht dazu gezwungen, Pamphlete gegen seinen eigenen Vater zu verfassen. Und obwohl Schostakowitsch sein Leben lang versuchte, seine Familie vor einem menschenverachtenden System zu schützen, resümierte er kurz vor seinem Tod resigniert: »Wenn ich das Fazit meines Lebens ziehe, kann ich nicht sagen, dass mein Verhalten besonders heroisch war.« Elena Stein beendet unser Gespräch mit den Worten: »Mir ist wichtig zu zeigen, dass man das Problem differenziert betrachten sollte. Dass es auch in Russland Menschen gibt, die mutig sind. Es muss nicht jeder ein Held sein, das wird von keinem erwartet. Hier in Deutschland kann man schon ein Held sein, wenn man die Steuererklärung rechtzeitig abgibt – und ich wünsche mir, dass es in meinem Land irgendwann auch so sein wird. Nur, weil wir etwas nicht sehen können, heißt es nicht, dass es nicht da ist. Diese Menschen können nicht sichtbar sein – aber ich kann sichtbar sein und weitertragen, was sie tun. Deshalb habe ich diesem Gespräch hier zugestimmt.«
Wer sich über die Arbeit der Anti-Kriegs-Organisationen informieren und vielleicht spenden möchte: https://platforma.international/
Mehr über den Verein CISR finden Sie unter: www.cisr-berlin.org